Geologie der Nordkette: Wenn Kalk und Dolomit das Karwendel prägen
Die Nordkette gehört zu den eindrucksvollsten Gebirgsstöcken der Nördlichen Kalkalpen und thront direkt über Innsbruck wie eine steinerne Mauer. Wer die Seilbahn verlässt und auf rund 2300 Meter Höhe steht, blickt nicht einfach auf Fels, sondern auf eine mehrere hundert Millionen Jahre alte Gesteinsgeschichte.
Hinter den schroffen Wänden, den weiten Karrenfeldern und den tief eingeschnittenen Tälern verbirgt sich ein geologisches Bauwerk aus Kalk, Dolomit und den Spuren einer langen Gebirgsbildung. Das Karwendel ist eines der größten zusammenhängenden Kalksteinmassive der Ostalpen und deshalb ein Klassiker für jeden, der sich für die Geologie alpiner Landschaften interessiert.
Wer die Nordkette wandernd erlebt, bewegt sich meist durch Gesteine der Mittleren Trias, deren Schichten einst am Grund eines flachen, warmen Meeres abgelagert wurden. Heute ragen diese Sedimente steil auf, sind verfaltet, zerbrochen und vom Eis der letzten Kaltzeiten nachgeschliffen. Aus dieser Kombination erklären sich die scharfen Grate ebenso wie die glatten Platten, die für viele Wege im Karwendel so typisch sind.
Die Geologie der Nordkette erschließt sich am besten, wenn man bereit ist, genau hinzusehen: auf die Farbe des Gesteins, die Richtung der Schichtung und die kleinen, aber hartnäckigen Lösungsformen im Kalk. Wer die Region wirklich verstehen will, kommt an der Frage nach Kalk und Dolomit nicht vorbei.
Die Gesteine der Nordkette im Überblick
Das bestimmende Gestein der Nordkette ist der Wettersteinkalk, ein massiver, oft hellgrauer bis weißlicher Kalkstein aus der Mittleren Trias. Er entstand vor rund 230 Millionen Jahren in einem ausgedehnten, tropischen Flachmeer, das Geologen als Tethys bezeichnen. Riffe aus Schwämmen, Korallen und Kalkalgen wucherten hier zu mächtigen Biohermen, deren Skelette später zu den dicken, oft mehrere hundert Meter mächtigen Kalkbänken wurden, die heute die berühmten Steilwände der Nordkette bilden.
Neben dem Wettersteinkalk spielt der Dolomit eine zentrale Rolle, besonders der sogenannte Hauptdolomit, der weiter westlich und nördlich im Karwendel an Bedeutung gewinnt. Dolomit unterscheidet sich vom Kalkstein durch seinen Magnesiumgehalt und entsteht oft aus der Umwandlung von Kalk unter dem Einfluss magnesiumreicher Porenwässer. Im Gelände zeigt sich das an einer etwas dunkleren Farbe, an splittrigerem Bruch und einer größeren Widerständigkeit gegen mechanische Verwitterung. Die Nordkette ist also keine reine Kalklandschaft, sondern ein fein abgestimmtes Mosaik aus zwei eng verwandten, aber doch verschiedenen Gesteinen. Wie sich dieser Wechsel im Bild festhalten lässt, zeigen die Fotomotive von der Seegrube, die den Grat zwischen Kalk und Dolomit in unterschiedlichen Lichtstimmungen dokumentieren.
Eine kleine Übersicht der wichtigsten Gesteinsarten hilft beim Einordnen unterwegs:
- Wettersteinkalk: heller, massiger Riffkalk, bildet die auffälligen Steilwände
- Hauptdolomit: feinkörniger, oft gelblich bis bräunlich, tritt in den Hochflächen auf
- Plattenkalk: dünnplattig, leicht spaltbar, oft an Hängen mit Grobblockwerk
- Kössener Schichten: dunkle, mergelige Kalke aus der Obertrias, fossilreich
Gebirgsbildung und Deckenbau
Die Gesteine, die heute das Karwendel aufbauen, haben eine weite Reise hinter sich. Während der alpidischen Gebirgsbildung, die vor rund 100 Millionen Jahren begann und bis in die Gegenwart andauert, wurde der Ablagerungsraum der Tethys zwischen die Kontinentalplatten Afrikas und Europas eingeklemmt. Ganze Gesteinspakete wurden dabei vom Südrand des einstigen Meeres nach Norden geschoben, übereinander gestapelt und steil gestellt.
Die Nordkette liegt im Bereich der Karwendel-Schuppe, die zur Inntal-Decke gehört. Hier wurden mehrere, jeweils einige hundert Meter mächtige Schichtpakete des Trias-Jura-Schelfs parallel zueinander aufgefaltet und an flachen Überschiebungen gestapelt. Das Ergebnis ist eine typische Schuppenstruktur, die sich im Gelände an wiederholt auftretenden, gleich alten Gesteinszügen erkennen lässt. Wer aufmerksam von der Seegrube Richtung Hafelekar wandert, kann diesen Wechsel mit etwas Übung selbst beobachten.
Für die Form der Grate ist die Klüftung entscheidend. Der Wettersteinkalk wird von einem dichten Netz aus Klüften und Verwerfungen durchzogen, an denen das Gestein bevorzugt bricht. Frostsprengung und chemische Lösung greifen entlang dieser Schwächezonen an und schneiden so die charakteristischen Zacken und Türme heraus, die den Grat zwischen Seegrube und Hafelekar so eindrucksvoll machen. Ohne diese kleinteilige Zerlegung wäre die Nordkette eine geschlossene, weniger aufregende Mauer.
Verkarstung und Formenschatz
Kalkstein ist ein Gestein, das sich in Wasser langsam auflöst. Regenwasser nimmt aus der Atmosphäre Kohlendioxid auf und wird zu einer schwachen Säure, die den Kalk entlang von Klüften, Schichtfugen und Schieferungsflächen langsam herauslöst. Im Karwendel hat dieser Prozess über Hunderttausende von Jahren eine eigene Karstlandschaft geschaffen, die sich an der Oberfläche und im Untergrund gleichermaßen zeigt.
An der Oberfläche zeigen sich ausgedehnte Karrenfelder, in denen das Wasser regelrechte Rillen, Rinnen und tiefe Spalten in den Fels gefräst hat. In flacheren Bereichen öffnen sich Dolinen, kleine, trichterförmige Senken, die oft nur wenige Meter Durchmesser besitzen. Wo der Kalk besonders rein und massig ist, entstanden sogar tief reichende Höhlensysteme, die zum Teil bis tief in den Berg hinein verfolgt werden können.
Einige typische Karstformen, die sich beim Wandern gut erkennen lassen, sind:
- Karren und Rillenkarren auf den freiliegenden Felsflächen
- Dolinen und Uvalas in den sanfteren Hochflächen
- Bachschwinden, an denen oberflächliche Gerinne plötzlich im Boden verschwinden
- Höhleneingänge und Halbhöhlen am Fuß der Steilwände
Unter der Oberfläche arbeiten Schwinden und Höhlen weiter an der Formung der Nordkette. Das Inntal nördlich von Innsbruck ist hydrologisch zwar zum Inn hin entwässert, aber einzelne Bäche verschwinden im Karst, fließen unterirdisch und treten erst viele Kilometer weiter wieder zutage. Dieses weit verzweigte, aber für den Wanderer unsichtbare Höhlensystem beeinflusst auch die Quellen, die an manchen Stellen am Fuß der Nordkette austreten.
Fossilien und Spuren der Vorzeit
Auch wenn die Nordkette auf den ersten Blick wie eine leblose Steinwüste wirkt, ist das Gestein voller Zeugen vergangener Welten. In den gut gebankten Partien des Wettersteinkalks finden sich häufig Reste von Muscheln, Schnecken, Kalkalgen und Schwämmen. An günstigen Stellen sind sogar kleine Riffstrukturen erkennbar, die darauf hinweisen, dass hier einstmals ein warmes, lichtdurchflutetes Meer flach überflutete.
Etwas reichhaltiger sind oft die Kössener Schichten und die mergeligen Partien, in denen sich Ammoniten, Brachiopoden und kleine Muscheln finden lassen. Wer mit einem geübten Blick über die dunkleren, plattigen Bänke streicht, entdeckt gelegentlich Abdrücke und Steinkerne. Diese Funde sind nicht nur geologisch interessant, sondern helfen auch bei der Altersbestimmung der einzelnen Schichtglieder und beim Verständnis der einstigen Meereslebensräume.
Die Fossilien sind auch einer der Gründe, warum die Berge der Nordkette heute weitgehend kahl sind. Während Urgesteinsberge wie die Zentralalpen oft skelettreiche, saure Böden mit etwas mehr Vegetation tragen, entwickeln sich auf reinem Kalkstein flachgründige, oft steinige Rendzinen. Die Pflanzenwelt muss mit wenig Feinerde und viel Sonneneinstrahlung auskommen, was die offene, alpine Charakterlandschaft über der Waldgrenze erklärt und gleichzeitig den Blick auf das nackte Gestein freihält.
Geologie unterwegs erleben
Wer die Geologie der Nordkette nicht nur lesen, sondern im Gelände begreifen möchte, ist auf eigene Faust gut unterwegs. Der Aufstieg von der Bergstation Seegrube Richtung Hafelekar führt durch verschiedene Gesteinspakete und zeigt auf wenigen Höhenmetern einen Querschnitt durch Millionen Jahre Erdgeschichte. Immer wieder laden kleine Vorsprünge und Felsbänder dazu ein, genauer hinzusehen, die Hand auf den Fels zu legen und die verschiedenen Gesteine zu ertasten.
Auch entlang der beschriebenen Routen im Karwendel lassen sich viele geologische Phänomene direkt vom Weg aus anschauen. Wer mit offenen Augen unterwegs ist, sieht bald den Wechsel zwischen Wand und Schutt, zwischen blankem Fels und bewachsenen Bändern, zwischen glatten Platten und splittrigem Dolomit. Ein kleines Handstück, das man unterwegs aufhebt und zu Hause mit Lupe und Salzsäure genauer prüft, verrät oft mehr als jede geologische Karte.
Für die Planung einer Tour lohnt sich ein Blick in den Beitrag über die Nordkettenbahn im Winter, wo auch Hinweise zu Ausrüstung, Schneeverhältnissen und Wetter zu finden sind. Die Nordkette bleibt auch im Winter ein offenes Geologiebuch, nur dass die frische Schneedecke viele Strukturen besonders deutlich hervortreten lässt.
Mit etwas Übung lässt sich dieses Archiv beim Wandern lesen, Stein für Stein und Schicht für Schicht. Wer einmal begonnen hat, die Gesteine unter den Füßen wirklich anzusehen, sieht die Nordkette mit anderen Augen und nimmt von jeder Tour ein Stück Erdgeschichte mit nach Hause.
Über den Kontakt zur Website lassen sich Fragen, Fundmeldungen und Beobachtungen direkt an die Betreiber der Seite richten, sodass nach und nach ein gemeinsam ergänztes Bild der Nordkette als geologisches Freiluftmuseum wächst.